Von Null auf Hundert – Zum Weingut innerhalb eines Jahres | Verraten & Verkauft

Die Familie Ehrmann hat sich seit Generationen dem Weinbau im fränkischen Taubertal verschrieben. Doch Weinbau zu betreiben ist das eine, ein Weingut zu führen etwas ganz anderes. Bisher lieferten die Ehrmanns ihre Trauben klassisch bei der Genossenschaft ab. 2019 entstand die Idee, 2020 folgte der große Umbruch: Sie wollten mehr sein als Traubenerzeuger und gründeten ein Weingut. Alles musste neu aufgebaut werden, vom Keller, über die Flaschen, der Vinothek bis hin zur Weinmarke „Das Winzerpaar Ehrmann“ – das schafften sie innerhalb eines Jahres.

Alex Ehrmann machte eine Winzerlehre und studierte Weinbau in Geisenheim. Dann stieg er in den Traubenerzeugerbetrieb seiner Eltern ein. Dieser wuchs innerhalb kürzester Zeit von drei Hektar Weinbergen auf 15 Hektar an, da ein benachbartes Weingut den Betrieb einstellte. Als Alex seine Frau Miriam kennenlernte und sie zu ihm auf den Betrieb zog, haben sie sich über ihre Zukunft unterhalten. „Ich kam hierher und hab gesehen, die produzieren nur Trauben. Wo ist denn das andere? Wo ist der Ausbau, die eigene Flasche? Das, was mich eigentlich so reizen würde an dem Beruf“, blickt Miriam zurück. Mit diesem Anreiz entstand die Idee, alles selbst zu machen, ein Weingut zu gründen. Im kleinen Stil produzierte Alex bereits eigene Weine für seine Besenwirtschaft. Das Know-how war also da, genügend Ideen gab es, eine Frage blieb aber zu klären: Wie wird man überhaupt vom Traubenerzeuger zum Weingut?

Ich hab gesehen, die produzieren nur Trauben. Wo ist denn das andere? Wo ist der Ausbau, die eigene Flasche? Das, was mich so reizen würde an dem Beruf.

Miriam Ehrmann

„Wir hatten ja nichts außer den Weinbergen. Wir hatten keine Marke, keine Flaschen, keine Verschlüsse, nichts“, sagt Miriam. Deshalb recherchierte sie im Internet und fand die Beratungsagentur „Die Weinberater“. Nach einem Telefonat war schnell klar, dass die Ehrmanns Hilfe bei ihrem Vorhaben benötigen, weshalb sie sich die „Weinberater“ an ihre Seite holten.

Die Strategie: Schritt für Schritt wachsen

Gestartet hat alles mit einem Besuch der „Weinberater“ auf dem Betrieb der Ehrmanns, um eine Strategie festzulegen. „Am Anfang haben wir auch heiß diskutiert, mit wie viel Hektar wir starten“, erinnert sich Tanja Schneider von den „Weinberatern“ zurück. Denn die Struktur sollte mitwachsen, es war schließlich noch kein Kundenstamm da. Zehn Hektar vermarkten zu müssen, hätte die Ehrmanns anfangs finanziell nur unter Druck gesetzt. Deshalb starteten sie mit dem ersten Wein, dem 2019er Jahrgang, übersichtlich und schrittweise. So blieben auch die Investitionen im Rahmen des Möglichen, das Weingut konnte langsam wachsen, mit einer ordentlichen Preisstruktur und einem sich nach und nach aufbauenden Kundenstamm.

Im Moment bewirtschaftet das Winzerpaar Ehrmann 2,5 Hektar Weinberge im privaten Weingut. Zusätzlich haben sie noch restliche Flächen für die Genossenschaften. Das hat den Vorteil, dass sie ein sicheres Einkommen haben und ohne zu viel Druck starten können.

Investitionen gehören dazu

Die Ehrmanns haben versucht, bestehende Gebäude zu nutzen, um auch hier angepasst an die Größe des Weinguts zu wachsen. So ist der Keller im Gebäude der Besenwirschaft, der Wintergarten des Wohnhauses wurde zur Vinothek. Trotzdem gehören einige Investitionen dazu, zum Beispiel musste die Kellereinrichtung angeschafft werden, neue Tanks und eine Pumpe gekauft werden. Insgesamt investierten sie rund 90.000 Euro. Für die Finanzierung war ein gut gemachter Businessplan wichtig. „Man muss der Bank schon genau vorrechnen, wie viel Geld man braucht, wofür, warum, wie man tilgt, wie die Absatzplanung aussieht“, erklärt Alex. Da sie sich als Winzer mit der Finanzplanung nicht im Detail auskennen, hat ihnen hier die Unterstützung der „Weinberater“ geholfen. So hatten sie jemanden an ihrer Seite, der weiß wie die Banken ticken, wie ein Bankengespräch ablaufen sollte und wie eine geeignete Finanzierung aussieht.

Förderungen lohnen sich, wir sind mit 25 Prozent gefördert worden.

Alex Ehrmann

Die Ehrmanns nutzten auch Förderungen, die sie parallel zum Businessplan suchten. Auch wenn eine Förderung zusätzliche Arbeit bedeute, vor allem was die Dokumentation angeht, solle sich jeder darüber Gedanken machen. „Es lohnt sich, wir sind mit 25 Prozent gefördert worden“, sagt Alex. So fühle man sich unterstützt und es falle doch leichter, das Unternehmen zu starten.

Tipps der Ehrmanns zum Start des eigenen Betriebs:

  • Gut überlegen, wo und wie viel investiert wird. Immer eine Strategie dahinter haben: Welche Mengen sollen produziert werden? Welche Preise legt man fest? In welche Richtung soll es gehen?
  • Prüfen, ob es Förderungen für das eigene Vorhaben gibt. Auch wenn das Thema recht komplex ist, lohnt es sich durchaus sich zu informieren.
  • Hilfe holen für den Businessplan, die Finanzierung und Bankengespräche, falls man sich selbst nicht damit auskennt.
  • Es sollte rechtlich alles sauber getrennt sein. Bei den Ehrmanns ist zum Beispiel Alex Mitglied bei der Genossenschaft, also läuft das Weingut auf Miriams Namen.
  • Hilfe annehmen und sich auch Berater zur Hand nehmen. Kostet zwar Geld, aber es lohnt sich. Schon allein aufgrund des Netzwerks aus Experten, auf das man als Winzer dann zurückgreifen kann. Zum Beispiel eine passende Agentur für Etikett und Logo.
  • Sich nicht zu viel Druck machen bei der Vermarktung, natürlich muss man seinen Wein verkaufen. Aber unter Druck geht es oft nicht. Man findet immer Absatzwege.
  • Mit einem kompakten Sortiment und wenigen Sorten starten. Lieber diese verbessern und dann die nächsten Sorten hinzunehmen, als zu viel auf einmal anzubieten.
  • Einen Betrieb zu gründen ist eine einfache Sache. Man meldet sich als landwirtschaftlicher Betrieb an, muss eine landwirtschaftliche Ausbildung nachweisen, bekommt eine Betriebsnummer und meldet seine Flächen. Spannender ist dann das Weinrecht, gerade bei den Flaschen und den Etiketten. Deshalb gut überlegen: Wie nennt man sich? Was hat es für Konsequenzen, auf die Flasche „Weingut“ zu schreiben? Welche regionalen Angaben brauche ich/möchte ich? Sobald man sich entschieden hat, am besten die Flaschenausstattung rechtlich von einem Weinkontrolleur anschauen lassen, dann ist man auf der sicheren Seite.

Eigentlich war eine große Eröffnungsparty im Keller geplant, mit rotem Teppich, Loungeecke und vielem mehr, was coronabedingt ausfallen musste. Trotzdem konnten Alex und Miriam in der Vermarktung von Anfang an durchstarten. Das gelang ihnen mithilfe ihrer Homepage, dem Onlineshop und ihren Online-Verkostungen. „Es kamen Kunden auf sie zu, fanden es toll, was sie machen und wollten ihre Weine kaufen. Auch Restaurants kamen auf sie zu“, sagt Tanja Schneider.

Parallel dazu veröffentlichte die Lokalpresse einen großen Bericht über das Weingut Ehrmann, was ihnen zusätzlich Aufmerksamkeit einbrachte. Die PR-Arbeit hat sich gelohnt, um zu zeigen, dass sie nun am Markt mitspielen. Sie stellten ihren ersten Jahrgang auch direkt bei Eichelmann und Falstaff vor – Ein Test, um zu sehen, wie Experten ihre Weine beschreiben. In den regionalen Einzelhandel kamen sie über Gespräche, haben sich aber keinen Druck bei der Vermarktung gemacht. „Mit Druck erreicht man gar nichts. Wenn sich Restaurants nicht melden, dann ist dieser Moment nicht der richtige Zeitpunkt“, meint Miriam. Den Großteil ihres Weins vermarkten sie heute an Privatkunden, vor allem ab Hof.

Personen hinter der Marke zeigen

Außerdem fokussierten sich die Ehrmanns von Anfang an auf ihre Social-Media-Kanäle. „Ein wichtiger Punkt ist auch, dass wir uns als Personen vermarkten“, sagt Miriam. Sie arbeiten viel mit Bildern und stellen ihre Persönlichkeiten in den Vordergrund, was nach ihren Erfahrungen gut bei den Kunden ankommt. Authentisch sein, das Winzerpaar sein, das sie wirklich sind. Sie rocken das Weingut gemeinsam und zeigen das ihren Kunden. „Unser Vorteil ist, wenn die Kunden uns mal kennen und unseren Wein getrunken haben, bleiben viele bei uns hängen“, meint Alex. Dazu gehört auch eine Weinmarke, die nicht nur heute passt, sondern noch in fünf Jahren funktioniert.

Ein wichtiger Punkt ist, dass wir uns als Personen vermarkten.

Miriam Ehrmann

Das Logo hat einen hohen Wiedererkennungswert, weshalb es überall zu finden ist: Auf dem Verschluss, auf dem Karton, der Flasche, der Homepage, Flyern und Gläsern. Das Winzerpaar Ehrmann ist die Marke. Das, was sie sind und verkaufen. Es ist ihr USP (Unique Selling Point = Alleinstellungsmerkmal), klar erkennbar, sympathisch und mit Emotionen verbunden.

Innerhalb eines Jahres bauten sich die Ehrmanns ihr eigenes Weingut auf, inklusive ihrer Weinmarke. Doch das soll es noch lange nicht gewesen sein. Events und Wohnmobilstellplätze für Touristen sind in Planung. Neue Rebsorten wie Schwarzriesling und Riesling werden ins Sortiment aufgenommen, die Rotweine sollen weiterentwickelt werden, wofür schon Barriquefässer in den Keller eingezogen sind. Der Kundenstamm soll noch größer werden. Die Weine des Winzerpaars Ehrmann sind nun alle ausverkauft. Damit sie in Zukunft mehr Wein produzieren können, wollen sie ihr Weingut erweitern. Sie stehen zwar noch am Anfang, aber Schritt für Schritt geht es weiter.

Link zum Artikel:

www.verraten-verkauft.de/Terroirist/article-7138517-191403/von-null-auf-hundert-zum-weingut-innerhalb-eines-jahres-.html

Autorin: Melina Kesel

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